Mittwoch, 26. August 2009

Samstag, 15. Juli 2000 @ 12:23:57

Von: charts@charlydavidson.com
An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Zu Sammen Durch Einander

Hallo U.,

aha, Du bist also in „Klein-Paris“ (wobei ich geneigt bin zu glauben, dass JWG „klaa“ statt „klein“ gesagt hat; erstens sprach er im Alltagsleben meist hessischen Dialiekt -frankforterisch- und zweitens heisst ein Stadtteil von FFM auch heute noch im Volksmund „Klaa-Paris“).

Sich (persönllich) nicht zu treffen ist bei den nahezu identischen Weltansichtsbahnen unserer beiden Lebens-Schleifen nahezu ünmöglich; virtuell tun wir es ja schon längst. - Schade, dass es Ende August nicht klappt, denn dann hättest Du vielleicht auch ‘mal meine Frau kennen lernen können, die mir auf solchen Reisen immer folgt.

Doch jetzt zurück zum Kern unserer letzten Schreiben:
In der Tat, Das ‘Pendel’ ist ein großartiger Roman - aber eben „...nur Fiktion. Die Wirklichkeit wird wesentlich weiter gehn.“ - Deshalb war ich mir nicht sicher, wie Du auf GEB reagieren wirst. Ich fragte mich, ob Dir wissenschaftliche Bücher überhaupt habe gehen können. Um so mehr freut es mich, dass ich Dich touchiert habe.

Meine Frau z. B. konnte mit GEB überhaupt nichts anfangen: Unlesbar!, sagte sie. (Um bei Eco zu bleiben...) ... Das hatte sie zwar auch über „Der Name der Rose“ gesagt, aber der Film hat ihr dann doch gefallen. Verstehe mich nicht falsch: Meine Frau kann ich gar nicht kritisieren, denn sie ist das Beste, was mir im Leben passiert ist. Sicher in ihren Entscheidungen und Empfehlungen, nett, ehrlich, loyal, witzig, eine gute, fast immer treue Seele - und sie lässt mich bei meiner Arbeit und meinen, fortschreitenden Gedanken in Ruhe alleine schalten und walten, jedenfalls solange ich es zeitlich nicht übertreibe. - In so fern war mein Quer-Denk-Verweis zu Christiane Goethe nicht ohne Hintergedanken; Parallelen entpuppen sich beim näheren Hinschauen oft als Schienen der Moebiusbahn.

Deine darauf folgenden Interpretationen über Rehe im Allgemeinen und Besonderen sowie deren Ansprüche werden von meiner Seite weder dementiert noch bestätigt. Allgemein (und zu ähnlichen Seinsfragen wie JWG) äußert sich dazu Peter Panter in der ersten Strophe eines Gedichtes, aus de ich mal einen Song machte, dessen Schlusssequenz Du bereits kennst: „In stiller Nacht in monogamen Betten, denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt. Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten, was uns, weil es nicht da ist leise quält. Du präparierst dir im Gedankengange das, was du willst - und nacher kriegst du’s nie. --- Man möchte immer eine große lange und dann bekommt man eine kleine Dicke. Ssälawih!!!“

Die oft zitierte Reh-Maus erinnert mich daran, daß ich Gott demnächst noch ‘mal fragen muß, ob er sich schon über Deine Bemerkung Gedanken gemacht hat, die ich ihn neulich vortrug, als ich ihm von Mädchen mit furchtbar guten Noten berichtete, die trotzdem nicht einen der überaus raren Plätze an den Erweiterten Oberschulen, siehe auch Gymnasium mit anderen Mitteln, bekamen. Aber es gab ja Umwege.

Meine Liebe: Neben der Tatsache, dass Du mir am Telefon Dein Leben beschrieben hast, gefällt mir vor allem Wortwahl, Satzbau und Stimme! - Warum schreibst Du keine Liedertexte und singst sie gleich noch dazu? Und wenn Du nicht singen kannst: Die passenden Interpreten könnte ich wohl finden. Jedenfalls: Danke für das Telefonat, Du hast mir gute Tipps für meinen Fernsehauftritt gegeben.

M(ir) f(iel’s) G(erade) eben so ein, das mußte aber auch mal gesagt werden aus dem fernen Jena:

Dein ChD

Samstag, 15. Juli 2000 @ 15:41:57

Von: ursula-maus@tkun.de
An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Pauselang

Hallo Charly,

„Schiu“ ist nicht so richtig das Pseudonym, das ich mir aussuchen würde, sollte ich mal ein`s brauchen. Aber da siehst Du, wie das so ist, wenn die Zeit in der Seifenblase vorne und hinten nicht reicht. Ich mußte unser „beinahe“ Gespräch gestern leider abbrechen, ich war mit ein paar Freundinnen verabredet, letzteres nicht leider, es war sehr unterhaltsam, nur die Nacht war entschieden zu kurz, um heute morgen um 5.00 Uhr ausgeschlafen zu sein. Doch das vorläufige Ende des Weckers, zumindest für lange Ferien ist schon in Sichtweite!

Die spannenden Fragen, mit denen Du mich gestern getroffen hast, schwirren alle ungeordnet in meinem Kopf herum, ich versuche System hineinzubringen und Du wirst bis Montag auf das Ergebnis warten müssen. Diesmal werde nicht ich die Ursache für Störungen des Wohlbefindens des Servers der Stadt Jena sein. Du wirst auf Wochenendmails, die sowieso erst montags ankommen, verzichten müssen, ich leider auch. Wir fahren zwei Tage in eine Stadt, von der unser Herr Geheimer Rat sagt: „Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute.“

Aber das wird nur der Anfang sein: Ich bin in den ersten beiden Augustwochen mit Familie und Freunden in Dänemark. Dann schweigen also die Server wochenlang. Danach erst können wir uns wieder mit der Suche nach dem tieferen Sinn beschäftigen. ( Ob nun Körbe oder Eindrücke, auf jeden Fall wartet am Ende ein großer Korb E- mails auf mich ... hoffentlich ... was ja auch nicht ohne einer Freude tieferen Sinn ist!)

Schönes Wochenende,
bis spätestens Montag
von Uschi - schon fast auf der Autobahn

Freitag, 14. Juli 2000 @ 19:21:37

Von: charts@charlydavidson.com
An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Der Mensch spinnt an, der Zufall webt

„Ich gucke einmal, ich gucke zweimal – Ich denk: Nanu, da hat doch einer dran gedreht . . . ?“ (Tucholsky)

Hallo Schiu,

malmanch hat der Verfaser wenig Zeit vier klassische Krimilanistenfragen zu stehlen um die Feller im Text zu suchen. Soho auch gestrern. Meile Niebe, ich denke taz wir uns trotz dem verstehn.

Alts ausgleich würte itch (wenn ich Gott wäre) #Schnitt# Dir gerne einmal eine Seite aus der Bibel zumailen, die ich selbst geschrieben habe. Geht aber leider nicht. Dafür ist es immer eine Herausforderung, zu erkunden, was Du schon kennst (z. B. Tucholsky), zu erahnen, was Du 'dort' schon kennst (z. B. von Tucholsky) und letzt-Endlich etwas zu finden (z. B. von Tucholsky), was Deine Nerven akupunktorisch effektiv treffen könnte, da Du es noch nicht kennst, denn ... nichts ist öder als ein erkannter Witz. - Außerdem hatte ich Dir ja bereits früher geschrieben, dass manche Menschen - wenn schon, denn schon - den Posten als ‘Chef von Gott’ bevorzugen würden. Vielleicht gehöre ich ja dazu.

In diesem Sinne habe ich wieder etwas gelernt: "Wer schnell schreibt, schreibt schnell Fehler." - Schwierig, schwierig! Wenn ich's mir so bedenke, dann fällt mir dazu (aber nicht nur dazu) ein Fragment von Peter Panter ein ('Kaiserzeiten' habe ich eigenmächtig in 'Wendezeiten' geändert'): "Man möchte eine helle Pfeife kaufen und kauft die dunkle - andere sind nicht da. Man möchte jeden Morgen dauerlaufen und tut es nicht. Beihnah... beinah... . Wir dachten in den Wendezeiten an eine Republik ... und nun ist die. Man möchte immer eine große lange und dann bekommt man eine kleine Dicke. Ssälawih!!!

Einen schönen Tag in Berlin-Friedrichshagen wünscht Dir

ChD

Freitag, 14. Juli 2000 @ 15:11:12

Von: ursula-maus@tkun.de
An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Labyrinth ( ALLES oder Schatten)

Hallo Charly,

an meinen fortschreitenden Gedanken werde ich Dich teilhaben lassen und dieses sozusagen augenblicklich - ohne Augen-Blick:

Unser abwechselndes Outing ist wirklich spannend und erinnert mich immer öfter an so kleine Sätze, die als Vor- oder Nach-Text Filme oder Bücher begleiten:

„Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt!“, aber möglich. Wer hat Dir gesagt, daß ich Abitur hätte? Das klassische Studium war mir wegen des fehlenden Abiturs jedenfalls versperrt - ich habe an einer Fachschule studiert, das galt in der DDR auch als Studium und wird von meinem jetzigen „obersten Dienstherren“ entgegenkommenderweise (wie war das doch mit den Mauern?) als gleichwertig in meinem Job anerkannt, selbstverständlich erst nachdem ich eine entsprechende Fortbildung absolviert hatte. (Gegen die zusätzliche Bildung hatte ich ja gar nichts, aber ‘fort’?) Da das „Nicht?“-Studium aber auch den von Dir erwähnten Geschichten entsprach, die frau erzählen könnte, vermisse ich nichts.

Mein fehlendes Abitur könnte mich gut als „Opfer- Darsteller“ auftreten lassen. Über die Umwege, die mir so beschert wurden, bin ich nicht unglücklich - Umwege bilden ebenfalls fort). „Opfer“, wie mir gerade auffällt, sogar in zweifacher Hinsicht, politisch-gesellschaftlich und patriarchalisch-gesellschaftlich!? Als Mädchen mit „furchtbar guten Noten“ hatte ich keine Chance gegen die Übermacht von 4 Jungen, die verkündet hatten, ‘Offizier der Nationalen Volksarmee’ zu werden - bei den überaus raren Plätzen an den Erweiterten Oberschulen, siehe auch Gymnasium mit anderen Mitteln, aber es gab ja Umwege. (Und wer weiß, was mir erspart geblieben ist - ich wollte unbedingt Germanistik studieren, in Anbetracht der ausgeprägten Gegenwarts-Sprach-Kultur eh eine brotlose Kunst!)

In der von Dir geschilderten Szene habe ich das wahre Leben deutlich wiedergefunden und auch die Situationen, in denen ich nach dem Löffel und der Schlagsahne suche - meist gewinnt meine gute(?) Erziehung. Deine Umwertung meiner Umwertung ist nicht nur ein Treffer, sondern ein Punktsieg! Aber weißt Du, ein bißchen, nicht allzu viel, aber ein bißchen Illusionen braucht mensch, sonst wäre das Leben ein wenig ärmer!

M(it) f(aszinierten) G(rüßen)
Uschi

Donnerstag, 13. Juli 2000 @ 10:06:16

Von: charts@charlydavidson.com
An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Das hatte ich mir doch gedacht

„Ein guter Autor ist ein Minenleger: Er befindet sich schon in anderen Gewässern, wenn die Minen hochgehen.“ (Ernst Jünger)

U.,

um Deinen Gedanken zum Abschied weiterzuführen, denke ich: Abschied muss man können. Was nutzt es, wenn man etwas macht, was man nicht kann. Klar, manche Menschen würden jetzt sagen: Dann muss man halt üben, wenn man es nicht kann. - Dir brauche ich nicht zu sagen, wo hier der Denkfehler zu meinem Denkansatz liegt.

Du hast mir in einem Nebensatz mitgeteilt, daß Du mal studiert hast, zuende studiert hast. Zeit für ein weiteres Outing meinerseits: Nein, ich habe nie zuende studiert. Durch unglückliche Lebensumstände konnte ich das nicht ... meine größten Erfolge schaffte ich auch so. Trotzdem bedauere ich es, nicht zuende studiert zu haben; was mann da so für Geschichten hört. - Aber zurück zum Thema ‘Mauern in den Köpfen’.

Manchmal passiert mir folgende Szene (Ausgangspunkte):

Ich habe eine tolle Platte gemacht / bekomme einen Preis verliehen / habe ein unglaubliches Interview geführt etc. - Mein Gegenüber (Intellektueller/Minister/Professor etc.) sagt: „...Sie waren das doch, der auf Lehramt studiert hat, mein Lieber, wo haben sie denn studiert? Im Westen? Sie kommen doch nicht von hier?...“ Ich entgegne: „Leider nein. Sie meinen bestimmt Heinz Rudolf Kunze. Der trägt auch eine Brille und ist tatsächlich Lehrer. Ich aber habe niemals zuende studiert.“ Er/sie: „Aber auf Lehramt haben sie doch studiert? - Ich (bin geneigt mit Strelitz zu sagen, dass ich dicker geworden bin) erleichtere dem Gegenüber aber den Smal-Talk und sage: „Ich war einige Jahre auf einer Hochschule für Gestaltung und bin...“; weiter komme ich nicht, da der Gegenüber erfreut sagt: „Ja dann. Sehn sie, das hatte ich mir doch gedacht.“ - Hier fehlt als Nachsatz nur noch Deine Radio-Entdeckung aus Berlin: „...einfache Leute müssen ja ooch ma loofen jehn!“

Lass uns eine Deiner Reh/Maus-Kenntnisse umdrehen, um zu prüfen, ob sie richtig ist oder latent ‘mauerbaufreundlich’:

Du behauptest „Die Umwertung der Werte wird durch Wessis von Ossis gefordert, wobei erstere nicht bedenken, daß ihnen ähnliches abverlangt wird - die Zeit hat sich für alle verändert! Ossis sind kaum dazu imstande, ihre Werte umzuwerten, weil sie sich ihrer und ihres eigenen Lebens nicht mehr als Wert bewußt sind!“ - Meine Liebe, das klingt ja ganz nach der goettlichen Gabriele. Krause Haare bekomme ich noch, wenn ich daran denke.

Ich stelle um: „Die Umwertung der Werte wird durch Ossis von Wessies gefordert, wobei erstere nicht bedenken, dass ihnen ähnliches abverlangt wird - die Zeit hat sich für alle verändert! Wessies sind kaum dazu imstande, ihre Werte umzuwerten, weil sie sich ihrer und ihres eigenen Lebens nicht mehr als Wert bewußt sind!“

Ich analysiere oft meine Gedanken auf diese Weise um sie einmal aus einer anderen Warte aus anzuschauen.

Meine ‘Einführung in das Leben JWGs für junge Leute’ hatte ich schon früher (für’s Radio) gemacht im Sinne von Benjamin Brittens „young persons guide to classical music“. Leider werde auch ich nicht jünger, obwohl ich neulich einen fatalen Fehler gemacht habe, als ich dachte, ich wäre jetzt schon älter als Tucholsky war, bei seinem Tod. Da ich jünger bin als J. K. und er noch nicht so alt ist, wie Kurt an seinem Todestag, bin ich doch eigentlich „...noch gar nicht so alt, wie ich immer gedacht habe...“ (heisse aber nach wie vor nicht Herr Wendriner).

Übrigens bin ich auch bald wieder im TV. Ende Juli gibt es in Leipzig die Sendung "DEUTSCH - DEUTSCHER - DIALOG" mit Manfred Geißler und Bernd Wagenbach und da gehen wir diesen Fragen "mit Gästen aus Ost und West" nach, wie es so schön heißt. Mit dabei ist mein Freund Lacky und Klaus Bergmann, der Sänger und Autor. Wenn Du willst, laß ich Dir den genauen Termin durchgeben.

M(ach Dir weiter) f(ortschreitende) G(edanken)

ChD

Mittwoch, 12. Juli 2000 @ 18:29:25

Von: ursula-maus@tkun.de
An: charts@charlydavidson.com
Betreff: Depesche an ChD

Hallo mein Lieber,

da Du Frau Steineckert schon in (be)treffender Weise erwähntest, hier eines ihrer Gedichte, für mich das Schönste und Wichtigste. (Mit Hilfe dieses Textes konnte ich vor 11 Jahren Abschied von meinem ersten Mann nehmen.)

„Als ich fortging, war die Straße steil / kehr wieder um / red ihr aus um jeden Preis / was sie weiß / Als ich fortging, war der Asphalt heiß / kehr wieder um / nimm an ihrem Kummer teil / mach sie heil / Als ich fortging, warn die Arme leer / kehr wieder um / machs ihr leichter, einmal mehr / nicht so schwer / Als ich fortging, kam ein Wind so wach / warf mich nicht um / unter ihrem Tränendach / war ich schwach / Nichts ist von Dauer / was keiner recht will / auch die Trauer wird dann sein / schwach und still.“

Natürlich hat meine Textwahl einen tieferen Grund als nur meine Vorliebe für dieses Gedicht. Er ist ein Musterbeispiel für poetische Vielschichtigkeit. Auf den 1. Leseblick paßt er mit der Schilderung einer zu Ende gegangenen Liebe gut zu Deiner Kästner- Auswahl. Doch der Text hat einen wahrhaft doppelten Boden. Er erzählt auch von einer anderen beendeten Liebe - dazu muß man wissen, daß er im Sommer 1989 entstand. Er wurde übrigens von der damaligen DDR- Band „Karussel“ sehr poetisch vertont und von klugen Menschen quasi ‘hoch und
runter’ ( Endlos- Schleife?) im Jugendradio gesendet.

In meinen ersten Leseminuten im GEB auf Achilles und sein Schildkröte zu treffen, berührt mich außerordentlich merkwürdig. Liegt das vielleicht daran, daß ich nicht nur ChDs Musik liebe ( rein platonisch bemerkt) , sondern auch Bach. Augenblicklich hat sich in meinem Gehirn eine seltsame Schleife zu einem Knäuel verwirrt und ich überlege, an welchem Band ich ziehen könnte, um die Verwirrung zu lösen. Das Knäuel besteht aus lauter „...nicht der Rede werten...“ und „...sich selbst verschluckenden“ Mengen und erinnert mich an die Tatsache, daß ich zu dieser intellektuellen Höchstleistungs-Mathematik schon als Studentin ein eher gespaltenes Verhältnis hatte. Doch geht vom Lesen -Denken- dieses Buches eine eigenartige Faszination aus, die mich zwingt, „todesmutig“ (Absturzgefahr?!) weiter in die Welt der seltsamen Schleifen einzutauchen. (Sollten die Mengen über mir zusammenbrechen, oder ich unter ihnen, könntest Du mich ja vielleicht an einem Moebius-Band wieder in das Erdgeschoß ziehen - dann wäre ich in einer Schleife an den Ausgangspunkt zurück gelangt und würde von vorn versuchen, mit GEB - und Charly - ein Stück treppauf zu gehen.)

(Oh Gott, Radio bildet doch, gehört eigentlich nicht zum aktuellen Thema oder?! In mein Unterbewußtsein drang gerade ein Splitter wahren Berliner-Rundfunk-Lebens; Berliner-BürgerIn-Beteiligung am Radio-Telefon: „...einfache Leute müssen ooch ma loofen jehn!“ Genau! )

Womit ich dann wieder bei GEB ankomme und zwar bei den Eigenschaften, die lt. Hofstadter wesentliche Voraussetzungen für Intelligenz sind. Die führen mich unweigerlich in`s Leben, zum Wochenthema und zum Versuch „...die Verblödung in der Breitenausdehnung...“ zu begrenzen. Eine G-Kenntnis über ‘Mauern in den Köpfen“: Die von Nietzsche angeregte Umwertung der Werte wird durch „Wessis“ von „Ossis“ gefordert, wobei erstere nicht bedenken, daß ihnen ähnliches abverlangt wird - die Zeit hat sich für alle verändert! „Ossis“ sind kaum dazu imstande, ihre Werte umzuwerten,weil sie sich ihrer und ihres eigenen Lebens nicht mehr als Wert bewußt sind! (Verzeih die Verallgemeinerung - wir gehören zu denen, die als Ausnahmen die G- Kenntnis bestätigen!)

Du hast natürlich recht, auch die Religionen haben die Kunst wesentlich beeinflußt. Ich meinte bei der Auswahl dieser Sentenz nur die Verbindung zu Nietzsches Abkehr vom Jenseits, weniger die wortgetreue Bedeutung, die bei Nietzsche ohnehin nicht einfach zu finden ist.

Synergy als eine Deiner Schwächen betrachte ich als Stärke, wir sind uns offensichtlci nicht nur eklektisch ähnlich. - Eine meiner Neigungen ist die Psychologie. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit Synergy als der höchsten möglichen Stufe menschlicher Kommunikation. Der Mangel an synergistischer Kommunikation ist die Ursache für viele Probleme, u. a. auch für ‘Mauern in den Köpfen’.

Die Essenz von Synergy in der Kommunikation ist es, die mentalen, emotionalen und psychologischen Unterschiede zwischen Menschen zu würdigen. Davon ausgehend, daß jeder Mensch - auch Du und ich - die Welt nicht so sieht, wie sie wirklich ist, sondern so wie ER/Sie ist, könnte mensch in der Lage sein, diese Unterschiede als Ergänzung für das eigene Wissen zu betrachten. „Wenn wir ganz unseren eigenen Erfahrungen überlassen sind leiden wir beständig an Datenmangel.“

Damit bin ich in Jena und bei Goethe:
Deine Einführung in das Leben JWGs für junge Leute habe ich mit Interesse und Freude gelesen, obwohl ich vieles davon weiß - die Notwendigkeit des Abrisses der Stadtmauer war neu für mich - und obwohl ich mich durchaus meist jünger fühle als ich bin, aber rein alterstechnisch schon zu denen gehöre, die langsam begreifen, daß sie älter werden (frei nach Wrobel).

Ich kann mir gut vorstellen, warum es Dich nach Jena gezogen hat. Abgesehen von der Macht der Synergy ist Jena eine interessante Stadt in einer traumhaft schönen Landschaft mit wundervollen Kultur- Stä(d)tten rund herum, angefangen von Naumburg über Weimar bis Eisenach, oder z. B. das wunderhübsche, versteckte Dornburg. Du merkst, ich kenne die Gegend - bevor mich meine Eltern nach Berlin verschleppten, wohnten wir einige Jahre in Dessau. Mehrere Thüringen- Urlaube haben das ihrige getan.

M(it) ( er)f(reuten) ( Dankeschön)G(rüßen)
von Uschi

Heute war eine Radioserie bei mir im Briefkasten und ich werde mir damit einen schönen Abend gestalten!

Dienstag, 11. Juli 2000 @ 11:41:16

Von: charts@charlydavidson.com
An: ursula-maus@tkun.de
Betreff: Schneller, höher, weiter!

Hallo meine Liebe,

so, jetzt habe ich wieder Zeit für Dich ... und ich was sehe ich? Es ist exakt einen Monat her, daß wir den ersten Mail-Kontakt hatten. Ich finde, das hat sich ja alles sehr rasant entwickelt und momentan gehst Du beim Treppensteigen gleich zwei Stufen auf einmal; ich komme kaum noch hinterher...

...nicht so schnell meine Liebe (Liebe = rein bemerkenswert gemeint. Tucholsky und Weltbühne-Herr-Ausgeber Jacobsen haben es sich in fast jedem ihrer zahllosen Briefe und Postkarten an den Kopf geworfen: ‘Mein Lieber!’ hier und entrüstet: ‘Mein lieber Freund!’ da, und so weiter). Also nochmal:

...nicht so schnell meine Liebe. Jetzt kommen gleich mehrere Paradoxen: Obwohl Du das bestellte Buch eigentlich gar nicht mehr brauchst, brauchst Du es trotzdem um so mehr. Ich hatte es Dir nicht gesagt: Die Schleife von Achilles und der Schildkröte ist de facto die Basis des Buches und beide Gestalten ziehen in Hofstadters Beispielen durch Wissenschaft und Musik und manchmal auch auf das Oktoberfest.

Was erzählst Du das von ‘Unkenntnis über das Moebius-Band’? Du kennst es in Wirklichkeit schon lange. - Intention für das Prinzip ist die Basis für das, was Nach-Denken kommt. --- Willkommen also im 2. Stock!

Zum Katalogisieren:

Die Deutschen - und leider so gut wie NUR die Deutschen - sind KATEGORISCHE Einsortierer. Ebenso fest wie Sauber- und Gründlichkeit ist das ‘Sag mir, was du macht und ich sage dir wer du bist!’-Prinzip im Deutschen verwurzelt. Hinzu kommt der Erklärungsnotstand. Während der Britanne sagt: „Thats life“ (im Deutschen mit: „Was soll’s? - Es ist halt so.“ zu übersetzen) sagt der/die Deutsche: „Es ist halt so, aber...“ und fängt an zu erklären warum. --- Der Grieche, das hängt wohl mit der philosophischen Tradition zusammen, sagt dagegen: „Es ist so? - Warum?“. Und das führt mich wieder vordergründig zu Nietzsche, hintergründig zu Deinen Deutschlehrern, tiefgründig zu Goethe, grundsätzlich zur Poesie und im weitesten Sinne nach Jena (...diesmal muss ich aber nachschlagen!).

Nietzsche schreibt in „Menschliches, Alllzumenschliches“: „Abgesehen von der Zeit, wo Schiller ihn aus der enthaltsamen Scheu vor der Poesie, aus der Furcht vor allem literarischen Wesen und Handwerk hinaustrieb, erscheint Goethe wie ein Grieche, der hier und da eine Geliebte besucht, mit dem Zweifel, ob es eine Göttin sei.“

Zum Gespräch während des „Personalkarussels“:

Das ist auch so etwas grunddeutsches; man/frau redet frei vom Herzen weg, stellt plötzlich fest, dass er/sie sich total versprochen hat und sagt dann: „Das war doch nicht so gemeint.“. Noch besser kommt an: „Anwesende natürlich ausgenommen.“ oder als mehr-schichtige Variation 1: „Ich meine jetzt nicht dich, ABER...“ und 2: „Ich meine jetzt nicht dich, aber GIB DOCH MAL SELBST ZU, dass...“.

Zum latenten Ausländerhass:
Ich kann Dir nur zustimmen, dass die Welt der Ausländer ebensowenig schwarz-weiß wie die unsere ist. Um bei schwarz-weis zu bleiben. Mir tut es weh, dass z. B. ein Teil der dunkelhäutige Ausländer mit Drogen handelt und ich denke nicht, dass sie es überwiegend deswegen tun, weil sie auch ein bisschen Lebensglück haben wollen; aber darum soll es jetzt nicht gehen. Daraus machen dumme Menschen dann das Vorurteil: ‘Alle Schwarzen/Neger sind Drogenhändler...’; Nebensatz: ‘...obwohl sie doch als Asylanten von unserem Staat genug Geld bekommen.’.

Drogenhandel als Synonym der Hautfarbe! - Das ist es. - Das ist der typisch (und nicht nur ost-)deutsche Rassismus. - Dass Drogenhandel eine Frage der Kriminalität und nicht der Hautfarbe ist, interessiert offensichtlich die wenigsten. Hier arbeite ich mit Beispielen. Ich erzähle von dem Schwarzen, dessen Auto von einem Polen gestohlen wurde und der jetzt anderen Schwarzen erzählt: „Alle Weißen sind Autodiebe.“ --- Das reicht... (...leider oft nur für den Moment.)

Letztes Mal versprach ich Dir ein Gedicht von Kästner und das geht so:

„Als sie sich acht Jahre kannten / (und man darf sagen: sie kannten sich gut), / kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie anderen Leutenein Stock oder Hut. # Sie waren traurig, betrugen sich heiter, / versuchten Küsse, als ob nichts sei, / und sahen sich an und wussten nicht weiter. / Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei. # Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. / Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier / und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. / Nebenan übte ein Mensch Klavier. # Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort / und rührten in ihren Tassen. / Am Abend sassen sie immer noch dort. / Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort / und konnten es beide nicht fassen.“

Ja, ja, wenn bloß nicht immer „... mittendrin das dumme Herz“ wäre, wie Frau Steineckert mal geschrieben hatte.

Zu Deiner Beschreibung von Situationen, in denen Du das dringende Bedürfnis verspürst, mit dem Löffel in die Schlagsahne zu hauen oder vielleicht einfach davonzudüsen gibt es eine Erkenntnis für Dich: Oft passiert es, dass man/frau einfach nur noch nur noch weg will. Raus und Aus! - Wenn man da die Kurve kriegt und eine Schleife dreht und zurückkehrt (z. B. wie ein sanfter, nicht verletzlicher Boomerang), dann geht oft alles andere wie von selbst.

In diesem Sinne sollten wir unsere Runden drehen und immer wieder zurückfinden. Oder wie sagte es einmal Arthur C. Clarke: „Das, meine Damen und Herren, ist aber wie sie sich denken können nur Fiktion. Die Wirklichkeit wird wesentlich weiter gehn.“

M(anche) f(inden das) G(rossartig)

ChD